Am Samstag, den 22.01.10 war die Stadtschulpflegschaft auf Einladung der Landeselternschaft Gesamtschulen NRW auf der Feier „40 Jahre Gesamtschule in NRW“. Neben den üblichen Verdächtigen sind mir zwei Menschen besonders aufgefallen.
Staatssekretär Günter Wienands, ein Mensch der aufgrund seiner Parteizugehörigkeit (CDU) nicht unbedingt als glühender Verfechter der Gesamtschule gilt, würdigte die Impulse, die die Gesamtschule in 40 Jahren gegeben habe. Er sicherte u.a. die Unterstützung der Landesregierung auf den weiteren Weg zu. Dies bescherte die ersten Unmutsäußerungen im Publikum. Eltern des
Fördervereins der im letzten Jahr gegründeten
Gesamtschule in Hemer warfen ihm vor, noch immer den Ganztag an ihrer Schule zu blockieren. Aus diesem Grund seien viele Kinder von Aktivitäten ausgeschlossen. Stellvertretend wurde die Aktion
„ Kein Kind ohne Mahlzeit“ genannt.
Einer der Highlights der Veranstaltung war auf jeden Fall der geschichtliche Bericht des Bielefelder Pädagogen und Diplom-Psychologe Otto Herz.
Bielefelder Reformpädagoge Otto Herz kritisiert die Schulkultur!
Sein Schulmodell zeichnet sich durch klare emanzipatorische Erziehungsziele und Tragfähigkeit für die Zukunft aus. Sprachgewaltig, sich kenntnisreich mit dem Schulalltag auseinandersetzend und auch viel Humor versprühend schlug der Erziehungswissenschaftler das Publikum rasch in seinen Bann.
Wenn der Pädagoge über die Ganztagsschule redet, die er als «die größte Herausforderung für die Pädagogik im 21. Jahrhundert» betrachtet, greift er gerne zum Handy und zum Laptop. Durch sie könne man zu jeder Tageszeit an allen Punkten der Erde «das gesamte Wissen der Menschheit abrufen», sagt Herz.
Verhalten von Lehrern in dunklen Zeiten
Ob aber der Mensch über diesen Wissenserwerb klüger geworden sei, müsse bezweifelt werden. Denn: «Mit Handy und Laptop lernen wir das Wichtigste nie, das friedliche Zusammenleben der Menschen.» Da kommt laut Herz der Schule in ihrer «Einzigartigkeit» eine Rolle als Vermittler zu. Er kenne keine Einrichtung, wo Kinder und Jugendliche so lange unter professioneller Anleitung für ihr Leben geformt werden. «Wer in Schulen spaltet, spaltet die Gesellschaft», greift der Pädagoge das Schulsystem im Land an, dem er eine «Misstrauenskultur» vorwirft, die das Zusammenleben in der Gesellschaft erschwere. Eingangs erinnerte Herz, an das Verhalten von Lehrern und Erziehern in dunklen Zeiten. Durch «obrigkeitsstaatliches Denken» habe man sich während der NS-Diktatur untergeordnet, Widerstand und den «aufrechten Gang» gemieden.
Nun steht für Herz die Umkehr an, weg von der «belastenden Schule», in der bisher meist widerspruchslos administrative Vorgaben von oben befolgt wurden.
Ein Schlüsselbegriff ist dabei die Gruppenarbeit, die für Herz eine «didaktische Revolution» bedeutet und «der Normalfall» werden soll. Niemand solle mehr mit der «Keule geistiger Verstopfung» traktiert werden. In der modernen Schule, die «keinen zurücklassen» dürfe, sieht der Reformer aus NRW («Die besten Innovationen kommen häufig von unten») den «Zipfel einer besseren Welt».
Unsere Einladung
Frank Jakobs